Ein Blick hinter die Kulissen: Teil I - Souffleuse

Die Aufgabe einer Soufleuse ist oftmals
die einer Beobachterin...     

Ein ganz anderer Blickwinkel! Mal nicht selber auf der Bühne stehen, mal nicht ein schlechtes Gewissen haben, weil man den Text immer noch nicht im Kopf hat, sondern ganz entspannt vor der Bühne sitzen, den Text auf dem Schoß und den anderen helfen, wenn sie nicht weiter wissen. Diesmal bin ich nicht Schauspieler sondern Souffleuse.

Habe ich da gerade „entspannt“ geschrieben? Na, so einfach, wie ich das gedacht hatte, ist es gar nicht. Da muss ich gut zuhören. Ich muss den Text mitlesen. Und ich muss meine Kollegen im Auge behalten. Denn, wenn sie den Faden verlieren, schauen sie mich hilfesuchend an. Wenn ich dann gerade im Textheft lese, sehe ich das nicht. Dann merke ich erst an einer peinlichen Pause, dass meine Hilfe gefragt war.  Vielleicht lerne ich im Lauf der Zeit den Text auswendig – na, wenigstens fast. Dann wird es zumindest leichter. 


Was das Soufflieren auch nicht einfacher macht, ist eine gewisse Kreativität der Schauspieler. Unser Stück ist eine Eigenproduktion. Unsere Regisseurin und Mutter der Compagnie, Stephanie Gärtner, hat es selbst verfasst. Das hat den Vorteil, dass man nicht sklavisch am Text kleben muss, dass durchaus Änderungen möglich sind. Das hat aber auch den Nachteil, dass die normalerweise ausreichenden Stichworte mal nicht ausreichen, weil der Betreffende seinen Text in der „neuen“ Form im Kopf hat, die ich aber nicht kenne. Also heißt es nachfragen, korrigieren, ergänzen und so weiter. Bleistift und Radiergummi sind im Augenblick noch meine wichtigsten Werkzeuge.  


Ich versuche auch, all die guten Regieanweisungen unserer Regisseurin festzuhalten. Allerdings hätte ich dazu die Kunst der Stenographie erlernen müssen!. Mit Stichworten geht das nur unzureichend. Wenn man so im Proben ist, kann man sich nicht alles merken. Also helfen meine Stichworte später vielleicht doch ein bisschen, falls dann gefragt wird: „Wie war das nochmal? Wie wollten wir das machen?“

... doch beim Fotoshooting war unsere Souffleuse
mitten im Geschehen dabei.

 

 

Ansonsten macht das Ganze großen Spaß!  
Es ist toll mitzuerleben, wie sich das Stück entwickelt, wie die zu Beginn steifen Bewegungen meiner Kollegen geschmeidig werden, wie die Figuren zum Leben erweckt werden. Mit der Zeit ist bei mir auch ein Bild der Bühne im Kopf entstanden. Obwohl wir noch ohne Kulissen proben, im Hintergrund nur der blaue Vorhang und nur Stühle und eventuell ein Tisch als Mobiliar zur Verfügung stehen, sehe ich schon die Londoner Gasse in Whitechapel vor mir. Ich kann mir vorstellen, wo der Puff ist, wo der Pub und wo die Hausecke, hinter der der Mord an einem der Freudenmädchen stattfindet. Sehe auch das Polizeirevier vor mir, in dem der Inspektor der Londoner Polizei Verdächtigte befragt. 

Zu Beginn habe ich ein bisschen mit mir gehadert, weil ich mich entschlossen hatte, diesmal nicht mitzuspielen. Inzwischen habe ich meinen Frieden mit dieser Entscheidung gemacht.
Es ist wirklich spannend, die oben beschriebene Entwicklung als nur indirekt Beteiligter zu erleben.  

Liebe Schauspieler, ich werde mein Bestes geben, damit ihr möglichst ohne allzu lange, peinliche Pausen über die Runden kommt.  
Aber, so wie ich euch kenne, seid ihr bis zu den Aufführungen fit und könnt euern Text im Schlaf. Ich werde völlig überflüssig sein!

Das wünscht euch eure Souffleuse Sabine Hönig